Wiard Habbo Lüpkes

Wiard Habbo Lüpkes

Superintendent in Esens 1863 – 1933

Geb. 25.9.1863 zu Pewsum als Sohn des Kaufmanns und Flecke Stehers Habbo Lüpkes. Verheiratet mit Helene Dorothee Zwitzers, Tochter des Töchterschuldirektors August Zwitzers in Emden.

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Aurich Theologiestudium in Leipzig
20. Juli 1890: Ordination
1890 – 1891: Hilfsgeistlicher in Warsingsfehn, dann Pastor in Marienhafe
1905 – 1927: Superintendent in Esens

Nach seiner Pensionierung bis zu seinem Tode am 11. November 1933 Pfarrstelle in Thunum. Er wurde in Esens beerdigt.

Verfasser des im Jahre 1907 erschienenen Standardwerkes „Ostfriesische Volkskunde“ (2. erweiterte Ausgabe erschienen 1925; Nachdruck dieser Auflage 1972 im Verlag Schuster, Leer), das er „Der Kirchengemeinde Esens und dem Kirchenkreis Esens nach 20jähriger Verbundenheit gewidmet“ (hat). Dieses Werk wird in Fachkreisen im In- und Ausland heute noch stark beachtet.

Weitere Werke:
– Ostfriesland nach Lichtbildern, Esens 1910
– Siedlungs- und Flurnamen des Kreises Wittmund
– Tracht und Schmuck in Ostfriesland, Thunum 1929

Die Stadt Esens benannte die Hauptstraße in einer neuen Siedlung  „Wiard-Lüpkes-Straße“.

1960er Jahre (???)
aus Harlinger Heimatkalender 1998
Von Dr. Gerhard Lüpkes

Nach dem Pfarrdienst auf Juist und in Marienhafe war mein Vater Wiard Lüpkes 1905 als Superintendent nach Esens berufen worden. Es gefiel uns dort gleich gut. Die zweistöckige Superintendentur befand sich am Südostende des Herrenwalls zwischen dem Haus von Rektor Stellwagen und dem geschichtsträchtigen ehemaligen Wohnsitz des Rektors Johann Carl Gittermann.

Unser Haus bot meinen Eltern und uns acht Geschwistern, wozu sich 1906 noch meine Schwester Henni gesellte, mit seinen neun Zimmern, der Küche und der Waschküche, genügend Platz. Die alte Scheune wich 1911 einem Anbau, in dem sich auch ein Konfirmandensaal befand. Dort traf sich wöchentlich der von meiner Mutter geleitete Jungfrauenverein. Meine gebildete Mutter konnte gut erzählen und vorlesen so dass die Mädchen gerne kamen. Gegen halb zehn Uhr abends hatten sich vor dem Haus schon Jünglinge versammelt, um ihre Freundinnen abzuholen. Von 1912 an galt die Superintendentur auch als Jugendherberge und war als „Nest“ in den Nestbüchern als Unterkunft aufgeführt – mit der Bemerkung: „Auch für größere Gruppen geeignet“.

Der 100 mal 30 Meter große Garten war am Hause im französischen Stile mit geraden Wegen und einer dazwischen liegenden Grasfläche von einem hannoverschen Gartenarchitekten entworfen worden. In der Mitte des Rasens befand sich ein Rhododendronbeet, an den beiden Enden Rosensträucher. Auf der Veranda am Hause wurde nach Möglichkeit der 11-Uhr-Tee eingenommen und dabei die Frühpost verlesen. Nach der Mittagspause kamen wir dort wieder zusammen, und man war gespannt auf die Nachmittagspost und die Zeitungen.

Auf einem langen Beet vor einem kleinen „Berg“ gediehen prächtige Dahlien. Der mittlere Teil des Gartens war nach englischem Muster gestaltet. Durch zwei Grünflächen mit hochstämmigen Obstbäumen zogen sich leicht gewundene Wege. Prachtstück war eine weit ausladende Blutbuche. Ihr Stamm von mehreren Metern Umfang teilte sich in zwei Metern Höhe in vier mächtige Äste, zwischen denen sich Sitzbänke befanden. Die Sandfläche unter der Buche diente uns und den Nachbarnkindern als Krocketplatz. Im südlichen Teil des Gartens standen auf den Rabatten Beerenobstbüsche. Die Flächen dazwischen dienten dem Gemüseanbau.

In dieser „guten alten Zeit“ nahm man es mit einer gewissen Gelassenheit hin, dass in Rufnähe, in der Rosenstraße, arme Menschen in nahezu baufälligen Häusern lebten. Wenn meine Mutter uns zu Bett brachte, sagte sie wohl: „Möchten doch alle Kinder in der Welt ein so warmes Bett haben wie ihr!“ – Die Gemeindeschwester half, so gut sie konnte. Esens liegt ideal zwischen Meer und bewaldeten Mooren. Bensersiel war über eine Straße oder auch mit der von Ogenbargen (früher: Hogenbargen = „hohe Berge“) kommenden Kleinbahn zu erreichen. Fußgänger gingen gerne auf dem Kajedeich neben dem Wittmund-Esens-Kanal in knapp einer Stunde zum Siel. In den Sommermonaten verkehrte auch ein etwa 25 Personen fassender gelber Linienwagen der Firma van der Werp. Er hielt einen Kilometer westlich von
Bensersiel in der Nähe der nach Geschlechtern getrennten Badestrände. Höhepunkt war eine Teestunde im oberen Stockwerk des Gasthofs der Familie von Thünen, einer Seitenlinie des Johann Heinrich von Thünen (1783 bis 1850) auf Canarienhausen bei Jever. Dessen Bedeutung nicht nur als Agrarökonom, sondern auch als Nationalökonom geht besonders daraus hervor, dass die Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften seit den 80er Jahren ihre Jahrestagungen durch eine von Thünen-Vorlesung bereichert, da sie in Thünen den bedeutendsten deutschen Vertreter der Nationalökonomie sieht. Von dem Balkon des Gasthauses aus hatte man einen schönen Blick auf den Hafen.

Von dort verkehrte ein schmucker kleiner Dampfer mit dem Namen der Kaiserin Augusta-Victoria nach Langeoog Das gewundene Sieltief, markiert durch Birken, bot viele Schwierigkeiten für den Schiffsverkehr, so dass man erfreut war, als nach dem Zweiten Weltkrieg ein gerader Durchstich geschaffen wurde.

Vom Siel gelangten Schollen und auch Garnelen nach Esens. Die Fischerfrauen riefen in die Flure: „Ok Granat gefällig?“ Schnell holte man eine Schüssel und bestreute die Krabben mit Salz.

In einer knappen halben Stunde erreichte man den im vorigen Jahrhundert angelegten Schafhauser Wald. Es folgte ein Moorgebiet, wo der beliebte Brenntorf gegraben wurde. Dahinter lag der alte Wald Schoo. Westlich davon betrieb die Familie Lamberti eine große Domäne, auf der auch eine Herde der anspruchslosen Heidschnucken gehalten wurde. In beiden Wäldern suchten wir gerne nach den wohlschmeckenden Steinpilzen.

Die Verwaltung der ehemaligen Festungsstadt Esens mit ihren etwa 2000 Einwohnern lag in den Händen des Bürgermeisters Becker aus der Westerstraße und seines treuen Mitarbeiters Rudolf Folkerts. Amtsräume befanden sich im ersten Stockwerk des Stadthauses an der Südostecke des Marktes. Unten betrieb die Familie Strutz eine Gastwirtschaft. Das jetzige schöne Rathaus an der Ostseite des Markt, damals das Wangelinstift für ältere vornehme Damen.

Der Bürgermeister war nicht nur eine wichtige, sondern auch eine gewichtige Persönlichkeit. Im Frühsommer fand das „Wiegefest“ statt. Die meisten Pfunde brachte durchweg der Bürgermeister Becker auf die Waage. Er hatte einer schlagenden Studentenverbindung angehört, wovon noch sogenannte „Schmisse“ (Fechtnarben) Zeugnis ablegten. Er war klassisch gebildet und trug einmal bei einer Festveranstaltung von dein etwas erhöht stehenden, mit vier Gaslampen ausgerüsteten Kandelaber (Armleuchter) aus das gesamte Schillersche „Lied von der Glocke“ vor.

Geistlich wurde Esens betreut durch meinen Vater sowie dem gegenüber wohnenden Pastor Dietrich Müller. Im Sommer fand von sieben bis acht Uhr ein Frühgottesdienst statt. Das Läuten vor dem Hauptgottesdienst wurde durch das Beiern eingeleitet, einer Art Glockenspiel. Von den Klöppeln führten Seile bis nahe an den Rand der Glocken. Durch einen Schwebebalken wurden die Seile gespannt und die Klöppel damit an den Rand der Glocke herangeführt, die sich selbst nicht bewegte. Für das Beiern genügte eine Person. In jeder Hand hatte er ein Seil, die große Glocke wurde mit dem Fuß bedient.

Die Gottesdienste begannen im Sommer um halb zehn Uhr, im Winter um zehn Uhr. Sie dauerten fast eineinhalb Stunden. Entsprechend lang war die Predigt. Man atmete auf, wenn es hieß: Wir kommen jetzt zum dritten und letzten Teil. Wir betraten die Kirche von der Nordseite aus, weil in der Nähe die Sitzplätze für die Angehörigen der Geistlichen waren. Die Frauen brachten im Winter meist ein Stövchen mit. In einer Tonschale lagen durchgebrannte Stücke Torf oder Brikett. Da die Frauen meist lange Kleider trugen, wärmten die Stövchen gut.

Die ländliche Bevölkerung nutzte die Zeit nach dem Sonntagsgottesdienst zum Einkauf. Die Geschäfte waren sonntags bis Mittag und wochentags einschließlich sonnabends bis zum Abendläuten um neun Uhr geöffnet. Nördlich der Kirche lag die Schule. Die Schulpflicht betrug acht Jahre, nach vier Jahren konnte man in die „gehobenen Klassen“ übergehen. Dazu war eine Aufnahmeprüfung erforderlich, an der auch Kinder von Nachbarschulen teilnehmen konnten. In den gehobenen Klassen erhielten die Mädchen Französisch- und Englischunterricht. Die Knaben wurden ein Jahr in Latein, im nächsten Jahr auch in Französisch, ab dem dritten Schuljahr zudem in Griechisch unterrichtet. Zur Erreichung der mittleren Reife war ein Übergang auf ein Gymnasium erforderlich.

An den Markttagen herrschte in Esens ein lebhaftes Treiben. Aus dem südlichen Amtsbezirk trafen Kutschen für etwa zehn Personen ein, die auf dem weiten Platz zwischen der Post und dem Amtsgericht hielten. Höhepunkt des Jahres war das in ganz Ostfriesland beliebte Schützenfest in der zweiten Juliwoche. Der Umzug fand am Montag statt. Die Spitze bildete der Harlinger Reitklub. Die ranken Söhne trugen blauweiße Schärpen. Es folgten das Schützenkorps, die Turner, die Radfahrer auf bunten Rädern usw. Den Schluss bildete ein offener Landauer mit den Veteranen aus dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Esens „erstrahlte“ im Flaggenmeer.

Am Herrenwall gab es nur drei Fernsprechanschlüsse: Bei dem Fuhrgeschäft Hermann van der Werp, bei dein Arzt und bei der Buchdruckerei Max Straube, wo auch das „Harlinger Blatt“ erschien. Hauptverkehrsmittel war das Fahrrad. An einem Polterabend hieß es über meinen Vater: „Ist das nicht der Superus, der nicht gerne geht zu Fuß?“ Auf dem Herrenwall hatte nur der Arzt einen Kraftwagen.

In der Nähe von Esens befanden sich vier Mühlen. Nordwestlich der Stadt lag die Sägemühle an einem Kolk, der zur besseren Entwässerung von der Sielacht angelegt worden war und in dem mächtige Baumstämme trieben. Diese wurden mittels Windkraft über eine Schräge vor das Gatter gezogen. Die Peldemühle lag am Nordrand der Stadt; einige hundert Meter nördlich davon an der Straße nach Bensersiel lag eine weitere Müh1e, die um 1930 abbrannte. Im Süden lag die Rodenbäcksche Mühle. In der Nähe hatte der Mühlenbaumeister Böök seinen Betrieb. Die Mühlenbauer Ostfrieslands hatten eine eigene Innung. Ein Nachfahre der Familie Böök berichtete um 1970 im Fernsehen über seinen Betrieb. Er schätzte die Kosten für den Bau einer Mühle auf etwa eine Million D-Mark.

In der Bahnhofstraße gegenüber der Gastwirtschaft „Peters Turnhalle“ lag die christlich geführte „Herberge zur Heimat“ für wandernde Handwerksburschen. In einem Aufsatz über die alten Esenser Brunnen im Harlinger Heimatkalender von 1997 habe ich erwähnt. dass es in Esens bis zum Bau des Wasserwerks kein sauberes Trinkwasser gab. In den 1920er Jahren erlebte ich, wie eine auswärtige Dame in der Kolonialwarenhandlung Behrends für ihre Tochter ein Glas Wasser erbat Die Inhaberin ging sofort in die Küche, um für beide Tee zu bereiten: „Ostfriesische Gemütlichkeit hat stets ein Tässchen Tee bereit“. Für Esens passt das Wort Goethes aus dem Bürgerepos „Hermann und Dorothea“: Heil dem Bürger des kleinen Städtchens, der ländlich Gewerb mit Bürgergewerbe gepaaret.“ (Kapitel: Polyhymnia – Der Weltbürger).

Literatur:

Wiard Lüpkes, Ostfriesische Volkskunde. 2. Auflage, Emden 1925

Gerhard Lüpkes. Fast ein ganzes Jahrhundert. Göttingen 1996