Sieltor
Beim Bau der Deiche entlang der Nordseeküste im 12. Jahrhundert musste auch für eine ausreichende Entwässerung des eingedeichten Landes gesorgt werden. Man „erfand" die Siele - also Durchlassbauwerke im Deich für die natürliche Entwässerung des Hinterlandes, das zugleich vor Hochwasser oder Überschwemmungen, dem Eindringen des salzigen Meerwassers geschützt werden sollte. Siele besitzen Verschlusseinrichtungen, die sich durch den Druck des Wassers selbsttätig schließen, wenn das Außenwasser der Nordsee bei Flut höher ansteigt als der Binnenwasserstand. Und sie öffnen sich wiederum selbsttätig, wenn das Außenwasser bei Ebbe unter den Binnenwasserstand sinkt.

Zunächst nutzte man an der Ostfriesischen Nordseeküste Klappsiele, bei denen oben aufgehängte, hölzerne Klappen im Wasser hingen. Ab dem 15. Jahrhundert setzten sich größere Torsiele mit zwei seitlich aufgehängten Holzflügeln durch. Im oder hinter dem Durchlass baute man Sturmtore ein – diese wurden im Notfall von Hand geschlossen. An der Landseite waren Ebbetore montiert, die nach innen gerichtet waren und in Trockenperioden das Abfließen des Binnenwassers verhinderten. Erst im 18. Jahrhundert setzten sich die massiven Siele mit bogenförmigen, aus Stein gemauerten Tunneln durch. Da man durch die vergrößerte Konstruktion noch mehr Wasser durch die Siele leiten konnte, schloss man nach und nach die kleineren Siele oder veränderte die Wasserläufe.

Prinzipielle Neuerungen brachten im 18. und 19. Jahrhundert dann die nach oben offenen Siele („einfache Schleusen"), die das Durchfahren von Schiffen mit Aufbauten und Masten ermöglichten. Das Sielgebäude verlangte allerdings eine wesentlich größere Festigkeit und entsprechend höhere Kosten. Für Bensersiel errechnete man im Jahr 1801 30000 Reichsthaler für ein offenes Siel mit 20 Fuß (6 Meter) breiter Schleusenöffnung. Dieses Projekt wurde wie in allen anderen kleineren Ortschaften an der Ostfriesischen Küste aus Kostengründen jedoch nicht verwirklicht - einzige Ausnahme ist die Friedrichsschleuse.

Für Bensersiel ist als ältestes Sielbauwerk ein Holzsiel bekannt, das 1967 bei Deichverstärkungsarbeiten 600 Meter östlich des heutigen Hafens am Ende der Seestraße entdeckt wurde. Hierbei handelt es sich um das Sielbauwerk, das in der Allerheiligenflut am 2. November 1570 beim „Oll Kroog" („Alter Krug", Nähe des heutigen Hauses Arians) zerstört wurde. Registriert wurden zwei gegenüber liegende und nach See auseinander laufende Holzpfahlreihen als Flügelwände eines Sielauslaufs, dazu hölzerne Querbalken und außen eine fünf Zentimeter starke Strohschicht. Der fast sieben Meter lange Durchlass hatte eine Breite von knapp vier bis sechs Metern. Binnendeichs war an dieser Stelle noch bis ins 20. Jahrhundert eine Vertiefung, der ehemalige Vorsielbereich des „Alten Siels", erkennbar. Das Baujahr ist nicht bekannt. Der Begriff „Oll Deep" (altes Tief) in der Siedlung Lammertshörn erinnert noch heute an den einstigen Verlauf des Klostertiefs zum „Alten Krug“.

Nach der verheerenden Allerheiligenflut 1570 mussten Deichbau und neue Linienführung erst einmal sorgfältig überdacht werden, sodass Fachleute davon ausgehen, dass das Land nach der großen Flut noch lange für das Wasser offen stand und man sich fast 50 Jahre lang lediglich mit Provisorien für die Landentwässerung begnügte. Erst im Jahr 1619 entstand ein neues Holzsiel (zweiter Siel-Standort) 600 Meter weiter westlich, südöstlich der heutigen Hauptstraßen-Brücke mitten im Ort. Der Verlauf des alten von Süden kommenden Klostertiefs wurde hierher korrigiert. Dieses zweite Holzsiel mit einer Sielöffnung von 4,50 Metern Breite und einer Schlagschwellenhöhe (Sohlschwelle) von 0,93 Metern unter Normalnull (NN) wurde 1640 repariert und bestand bis 1891.

Undichtigkeiten an den Fluttüren machten im Frühjahr 1840 eine Abdämmung des Siels erforderlich. Bei dieser Gelegenheit baute man neue Sturmtore (3,92 Meter hoch und 2,50 Meter breit) ein. Der Kostenvoranschlag belief sich auf 352 Taler preuß. Cour. Während des Einbaus zeigte sich, dass die Lager für die Drehzapfen („Pfannen") erneuert werden mussten, was noch einmal 50 Taler kostete. Im Oktober 1840 war die Reparatur abgeschlossen.

Bei Ausschachtungsarbeiten für die Gründung der heutigen Straßenbrücke über das Sieltief wurden 1967 diese alten hölzernen Sturmtore mit Pfosten und Bohlenwänden wieder freigelegt und 1979 nach umfangreicher Instandsetzung schließlich auf der Freifläche zwischen Landesstraße und Benser Tief aufgestellt.

Als Ersatz für das in die Jahre gekommene Holzsiel von 1619 nahm man im Oktober 1891 unmittelbar westlich daneben ganz in der Nähe des „Benserhofes" ein steinernes Siel mit gemauertem Gewölbe in Betrieb (dritter Siel-Standort). Dabei hatte es 1889 noch einen Plan für einen Sielneubau an der bisherigen Stelle gegeben, der jedoch nicht zur Ausführung kam. Die dann vorgenommene Verlagerung um ein paar Meter nach Westen und einer Drehung um 17 Grad hatte den Vorteil, dass das alte Siel und damit auch der Hafen während der Bauarbeiten in Funktion bleiben konnten. Der Ankauf und Abbruch des Taaksschen Gasthauses und des Taddigsschen Wohnhauses hatten die Verlagerung des Sielstandortes erst ermöglicht.

Das neue, ab 1891 genutzte Bauwerk im Zuge der damaligen Hauptdeichlinie besaß eine lichte Weite von sechs Metern, eine Länge von 15 Metern und eine Drempelhöhe (Schlagschwelle) von 1,48 Metern unter NN. Integriert waren ein hölzernes Flut-, ein Sturmflut- und ein Ebbetorpaar. 1891 berichtete die Zeitung: „Die Häupter des Siels, die Wandnischen und Schlagschwellen der Thore sind aus Dolomit, der sonstige Bau aus hart gebrannten Ziegelsteinen mit Cementmörtel hergestellt. Die drei Thürpaare sind aus Eichenholz mit verzinkten Eisenbeschlägen angefertigt. Für die Sturmflutthüre musste eine besondere Kammer angelegt werden, welche mit eisernen Trägern und dazwischen geschobenen Dolomitplatten bedeckt ist. Die Ebbethüre sind mit Spindeln versehen, um das aufgestaute Wasser zum Spülen benutzen zu können." Die Arbeiten wurden von der Firma Dirks und Franke aus Wilhelmshaven ausgeführt, wobei die veranschlagte Bausumme von 100000 Mark nicht ganz erreicht wurde.

Das Siel-Bauwerk diente zugleich als Brücke für die Landesstraße von Esens nach Dornumersiel. Dazu gehörten eine niedrige Mauer auf der Westseite und ein kleinerer Erddeich auf der Ostseite, der später eine Deichschart für die Ostfriesische Kleinbahn erhielt. Dieses neue Siel von 1891 existierte bis 1967. Als es dann nicht mehr benötigt wurde, nahmen Bauarbeiter die Decke des Steinsielbauwerks ab und schütteten den Raum zu. Westwand und Sohle von 1891 blieben sitzen und kamen später bei Arbeiten für die Brückenunterführung an Westböschung des Tiefs wieder zutage.

Um künftig größere Wassermassen aus dem Binnenland ableiten zu können, baute man 1967 ein neues, modernes Sielwerk (Sielöffnungsbreite von 10 Metern; vierter Siel-Standort), das rund 30 Meter weiter nördlich des alten Siels im Becken des alten Hafens errichtet wurde, während das bisherige Bauwerk am „Benserhof“ noch in Funktion war. Der Neubau löste das alte Steinsiel ab und ermöglichte auch eine Querschnittsverbreiterung des Benser Tiefs. Der alte kleine Sielhafen wurde nicht mehr benötigt, weil in den 1930er Jahren nördlich ein neuer großer Hafen entstanden war. Auch die verheerende Sturmflut vom 16. und 17. Februar 1962 hatte zu neuen Überlegungen hinsichtlich des besseren Sturmflutschutzes im Bereich Bensersiel geführt.

Quelle: Esens-Archiv Detlef Kiesé



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